Die LINKE.SDS

»400 Blockierer legen ein Gleis lahm­, 400 Lokführer das halbe Land«

Mittwoch 28. November 2007 von Redaktion

Die Linke.SDS will eine »Brücke zwischen Prekarisiertenbewegung und Gewerkschaften« bilden. Ein Gespräch mit Steffi Graf

aus der Hochschulbeilage der Jungen Welt vom 28.11.2007

Das Interview ist ein Teil der Hochschulbeilage der Jungen Welt vom 28.11.2007. Den Rest findet Ihr unter: http://www.jungewelt.de/beilage/beilage/133

Steffi Graf ist Mitglied im Bundesvorstand des Verbands Die Linke.SDS und aktiv in der Hochschulgruppe an der Berliner Humboldt-Universität

F: Die Linke.SDS hat »Prekarisierung« zu einem Schwerpunktthema gemacht. Wieso?

Weil heute schon zwei Drittel der Studierenden neben ihrem Studium arbeiten, meist in befristeten, schlecht bezahlten Nebenjobs. Auch die Perspektiven nach dem Studium sind alles andere als rosig. Eine aktuelle Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) zeigt, daß junge Beschäftigte im Durchschnitt zwar höher qualifiziert sind als ihre älteren Kollegen, aber ein Drittel der unter 25jährigen in einem befristeten Beschäftigungsverhältnis arbeiten. Bei den 25- bis 30jährigen ist es immer noch ein Fünftel. Auch die Bezahlung ist miserabel. Die Hälfte der Beschäftigten unter 25 und ein Drittel der 25- bis 30jährigen verdient monatlich maximal 1500 Euro brutto. Der Alltag der Studierenden, aber auch der Blick in die Zukunft ist von prekären Arbeits- und Lebensverhältnissen geprägt. Allerdings wird dieser Alltag von vielen nur als vorübergehende Situation gesehen. Dadurch akzeptiert man Jobben ohne Vertrag und rechtliche Absicherung viel schneller — auch, daß es oft kein Krankheits- und Urlaubsgeld gibt. Meist geschieht dies mit der Hoffnung im Hinterkopf, daß sich die eigenen Arbeitsverhältnisse´einmal bessern.

F: Mit den Euromayday-Demonstrationen gibt es seit einigen Jahren den Versuch, dieser Situation politischen Ausdruck zu geben.

Ja. Die Euromayday-Projekte zielen darauf, den traditionellen Feiertag der Arbeiterinnen- und Arbeiterbewegung in Europa mit neuem Leben zu füllen. Auch in Deutschland haben sich neue politische Netzwerke entwickelt, die um den 1. Mai herum politische Aktionen organisieren, um mit dem Thema der Prekarisierung im Vordergrund neue gesellschaftliche Milieus für politische Aktionen zu gewinnen. Dabei handelt es sich oft um sogenannte »post-autonome« Gruppierungen, die versuchen, durch das Ansprechen der neuen sozialen Frage bisherige politische Sackgassen zu überwinden — der »revolutionäre 1. Mai« zum Beispiel ist mittlerweile ziemlich ritualisiert und steht isoliert da. Zwar ist damit noch kein »Prekariat« als gesellschaftliches Subjekt entstanden, aber in Berlin und in Hamburg haben sehr ansehnliche Paraden stattgefunden, also Demonstrationen mit Happening-Charakter.

Die Euromayday-Proteste setzten sich bis jetzt jedoch von den traditionellen Gewerkschaftsprotesten ab.

Das stimmt. Tatsächlich zeigt das eine Schwäche der Linken. Dabei gibt es durchaus eine Basis für ein Zusammenkommen. In Betrieben ersetzen Prekarisierte als Leiharbeiter oder Studierende als befristet Beschäftigte nicht nur reguläre Beschäftigungsverhältnisse, sie sorgen auch dafür, daß der Druck auf die übrigen Beschäftigten erhöht werden kann. Prekarisierung führt aber nicht nur zu einer Ausweitung der Unsicherheit und einer Verschärfung der Konkurrenz unter Beschäftigten. Sie kann auch bedeuten, daß die gemeinsamen Interessen von Studierenden und Beschäftigten unmittelbarer erfahren werden und es somit eine größere reale Grundlage für gemeinsame Proteste gibt. Es ist aber eine bewußte Anstrengung nötig, um Gewerkschaften, Studierende und andere prekär Beschäftigte zusammenzubringen. Insofern ist es auch ein guter erster Schritt, daß in Hamburg die Euromayday-Parade direkt vom Endpunkt der Gewerkschaftsdemonstration gestartet wurde. So konnte man erst zur einen und dann zur anderen Demonstration gehen.

In einem Vorstandspapier heißt es, ihr wollt »Brücke zwischen Prekarisiertenbewegung und Gewerkschaften« werden. Das klingt etwas großspurig. Wie stellt ihr euch das vor?

Am 1. Mai 2008 erwarten wir, daß der Euromayday in Berlin die »Block-G-8-Generation« anzieht: junge, radikale, politisch ungebundene Milieus, die ja auch beim G-8-Gipfel aus dem Nichts gekommen sind und sowohl Staatsmacht als auch Organisatoren mit ihrer Zahl überraschten. Als Linke.SDS wollen wir hier eine Brückenfunktion einnehmen. Wir wollen sowohl an der Euromayday-Parade, als auch an der traditionellen Gewerkschaftsdemonstration teilnehmen. Denkbar wäre auch ein Demozug von der einen zur anderen Demonstration. In jedem Fall wollen wir damit ein Zeichen setzen: Die Gewerkschaften brauchen die Aktionsorientierung, die Radikalität und die strategische Vielfalt der Blockierergeneration. Und die Blockierer brauchen die Gewerkschaften, wenn sie sich nicht in stellvertreterischer Militanz und gesellschaftlicher Marginalisierung verlieren wollen. 400 Blockierer können ein Gleis lahmlegen, 400 Lokführer das halbe Land. Insofern zielt unsere längerfristige Strategie auf eine Radikalisierung der Gewerkschaftsbewegung und nicht auf eine Trennung der Bewegung in Gewerkschafter auf der einen und »Radikalinskis« auf der anderen Seite.

Wie soll es nach dem 1. Mai weitergehen?

Grundsätzlich versteht Die Linke.SDS die politische Arbeit an den Hochschulen als Teil eines Kampfes um die Veränderung der gesamten Gesellschaft. Hierfür streben wir Bündnisse mit sozialen Bewegungen an, um die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse zu verschieben. Ansatzpunkte für diese Zusammenarbeit bieten sich einige. Auf Bundesebene gibt es in der Gewerkschaftsjugend eine Diskussion über eine größere Mobilisierung zum Europäischen Sozialforum (ESF) nach Malmö im Herbst 2008. Gerade wenn Standortkonkurrenz immer wieder als Rechtfertigung für Sozialabbau in Betrieben und Gesellschaft herhalten muß, ist eine Fusion von Globalisierungskritik und Gewerkschaftsbewegung angezeigt. Deswegen könnte ich mir vorstellen, daß sich auch der Linke.SDS an dieser Mobilisierung beteiligt.

Wichtig ist aber nicht nur das »Gipfelhopping«, es kommt darauf an, was vor Ort passiert. Hier gibt es hoffnungsvolle Ansätze. Bei der Lidl-Kampagne zum Beispiel haben Gewerkschaften und soziale Bewegungen gut zusammengearbeitet. Interessante Bündnisse können auch dort entstehen, wo hauptsächlich Studierende arbeiten, etwa bei Cinemaxx oder in Einzelhandelsfilialen, wo es darum geht, Betriebsräte zu erkämpfen.


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